Torstraße: Vom Pizza-Slice bis zu drei Michelin-Sternen

Gericht im Rutz

Zwei Kilometer, sechs Adressen und eine Straße, auf der sich Berlins Esskultur in erstaunlicher Bandbreite zeigt. Zwischen Oranienburger Tor und Prenzlauer Allee liegen ein Drei-Sterne-Restaurant, New Yorker Pizza, thailändische Familienküche und Eis, für das man besser noch Platz lässt.

Die Torstraße gehört zu den Berliner Straßen, auf denen man selten freiwillig länger stehen bleibt. Autos, Straßenbahnen, Fahrräder und Fußgänger teilen sich einen Raum, in dem offenbar jeder einen anderen Zeitplan verfolgt.

Kulinarisch lohnt es sich trotzdem, langsamer zu werden.

Auf knapp zwei Kilometern findet man hier Restaurants, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Im Rutz serviert Marco Müller eines der anspruchsvollsten Menüs Deutschlands. Wenige Minuten entfernt gibt es riesige New Yorker Pizzastücke über den Tresen. Dazwischen liegen thailändische Hausküche, glutenfreies Sauerteigbrot und Eis mit karamellisierten Honigstückchen.

Ihren heutigen Namen trägt die Torstraße erst seit 1994. Zuvor hieß sie Wilhelm-Pieck-Straße, benannt nach dem ersten Präsidenten der DDR. Noch früher verlief in diesem Bereich die Berliner Zollmauer. Die ehemaligen Stadttore gaben der Straße schließlich ihren Namen zurück.

Drei Sterne und ein Stück New York

Der kulinarische Rundgang beginnt am westlichen Ende, unmittelbar hinter dem Oranienburger Tor. In der Chausseestraße 8 befindet sich das Rutz. Seit 2020 trägt es drei Michelin-Sterne; hinzu kommt ein Grüner Michelin-Stern für Nachhaltigkeit. Küchenchef Marco Müller gehört damit zur Spitze der deutschen Gastronomie.

Unter dem Titel „Natur & Aromen“ entwickelt er Menüs, die sich intensiv mit regionalen Produkten, Fermentation und ungewöhnlichen Geschmackskombinationen beschäftigen. Herkunft, Saison und Verarbeitung spielen dabei eine wichtige Rolle. Ein Abend im Rutz ist entsprechend eine größere Angelegenheit: Man reserviert, nimmt sich Zeit und lässt sich durch das Menü führen.

Mitte · Fine DiningRutzZur Map

Wenige Gehminuten weiter östlich funktioniert Essen deutlich schneller. Bei Slice Society in der Torstraße 173 stehen riesige New Yorker Pizzastücke hinter dem Tresen. Die Gründer Alexander Welskopp und Marcus Hagemann kamen aus der Berliner Startup-Welt. Ihr Unternehmen entstand 2023, die Pizzeria eröffnete 2024.

Die dünnen, knusprigen Pizzen haben einen Durchmesser von rund 45 Zentimetern. Die Slices sind so groß, dass man sie beim Essen zusammenfalten kann – in New York eine bewährte Methode, um Pizza unterwegs zu essen.

Pizzastücke auf Papptellern bei Slice Society, daneben der Kassenbon
Slices bei Slice Society.

Besonders gut ist die Pepperoni mit Hot Honey. Die würzige amerikanische Salami bringt Fett und Schärfe mit, der Honig setzt Süße und eine weitere Chilinote dagegen. Slice Society verkauft den Hot Honey inzwischen sogar in Flaschen.

Mitte · ItalienischSlice SocietyZur Map

Familienrezepte und glutenfreier Sauerteig

Im selben Haus liegt Rram, ein thailändisches Restaurant, dessen Küche sich an Familienrezepten und persönlichen Erinnerungen orientiert. Koch Tanadon Santanaviboon greift Gerichte der thailändischen Alltagsküche auf. Dazu gehören Som Tam Lao, ein Papayasalat mit kräftiger Säure, Chili und fermentierten Zutaten, sowie Kra Pao Dtai mit Heiligem Basilikum und Spiegelei.

Hier treffen Schärfe, Säure, Süße und salzige Umami-Noten aufeinander. Fischsoße, Limette, Chili und frische Kräuter übernehmen die Hauptrollen. Viele Gerichte sind zum Teilen gedacht; mehrere Speisen gemeinsam zu probieren lohnt sich.

Mitte · ThaiRramZur Map

Am Rosenthaler Platz folgt mit AERA ein völlig anderes Handwerk. Die Bäckerei ist auf glutenfreies Brot spezialisiert und arbeitet mit alternativen Mehlen, natürlichem Sauerteig und langen Fermentationszeiten.

Glutenfreies Backen ist anspruchsvoll, weil das Klebereiweiß fehlt, das herkömmlichen Teigen Elastizität und Struktur verleiht. AERA hat daraus ein eigenständiges Konzept entwickelt. Das Brot „Kurfürst“ gehört zu den bekannten Produkten, daneben gibt es Kekse und weitere Backwaren.

Mitte · BäckereiAERA MitteZur Map

Ein Eis und noch eine Pizza

In der Torstraße 141 liegt die Eispatisserie Hokey Pokey. Der Name stammt von einer neuseeländischen Spezialität: Vanilleeis mit knusprigen Stücken aus karamellisiertem Honigzucker.

Diese Mischung gehört auch hier zu den Klassikern. Die cremige Eisbasis und die knackigen Karamellstücke ergänzen sich hervorragend. Wer lieber Nussaromen mag, findet unter anderem Pistazieneis mit gerösteten sizilianischen Pistazien. Der Kontrast zwischen cremig und knusprig macht viele der Sorten interessant.

Mitte · EisdieleHokey Pokey MitteZur Map

Zum Abschluss bietet sich Standard Serious Pizza in der Torstraße 102 an. Hier stehen neben Marinara und Margherita auch üppig belegte weiße Pizzen auf der Karte.

Pizza mit Champignons, Mozzarella und Basilikum bei Standard Serious Pizza

Die Mortazza dell’Estate kombiniert Parmesancreme, Mortadella, Stracciatella und Pistazien. Salzige Wurst, milder Frischkäse und nussige Aromen ergeben eine reichhaltige, aber stimmige Kombination. Wer es schärfer mag, bestellt die L’Ape che Punge mit kalabrischer Salami und Chilihonig. Auch die wechselnde Tagespizza ist einen Blick wert.

Mitte · ItalienischStandard Serious Pizza MitteZur Map

Sechs Adressen, sechs Arten zu essen

An der Torstraße lässt sich auf kurzer Strecke beobachten, wie breit die Berliner Gastronomie aufgestellt ist. Im Rutz entstehen aufwendige Menüs aus regionalen Produkten. Slice Society überträgt New Yorker Pizzakultur nach Mitte. Rram kocht Gerichte mit familiären Wurzeln, während AERA zeigt, wie viel technisches Wissen in glutenfreiem Brot stecken kann. Hokey Pokey und Standard ergänzen die Straße um Eis und Pizza, bei denen die Details stimmen.

Für alle sechs Adressen braucht man natürlich mehr als einen einzigen Spaziergang. Obwohl die Vorstellung, nach einem Drei-Sterne-Menü noch schnell einen Pepperoni-Slice zu essen, einen gewissen Berliner Charme hätte.

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