Kantstraße: Hundert Jahre, acht Restaurants und ziemlich viel gutes Essen

1923 eröffnete an der Kantstraße Berlins erstes chinesisches Restaurant. Später kamen Künstler, österreichische Küche und ein junger Gastronom namens The Duc Ngo. Heute liegen zwischen Wiener Schnitzel, vietnamesischer Phở und mexikanischer Mole nur wenige Hausnummern.
Auf der Kantstraße dominieren zunächst Autos, Busse und breite Gehwege. Die Restaurants erzählen eine interessantere Geschichte.
In der Paris Bar hängen Werke von Martin Kippenberger und Jörg Immendorff. Ein paar Häuser weiter werden japanische Spieße gegrillt, vietnamesische Suppen gekocht und Fische auf Eis präsentiert. Hinter verspiegelten, mit Graffiti besprühten Fenstern treffen Sashimi und mexikanische Tortillas aufeinander.
Die Kantstraße ist seit mehr als hundert Jahren eine der vielfältigsten Restaurantmeilen Berlins.
Als Berlin chinesisch essen lernte
1923 eröffnete in der Kantstraße 130b das Tientsin, das als erstes chinesisches Restaurant Berlins gilt. Sein Gründer war zuvor Koch der chinesischen Gesandtschaft gewesen. An der nahen Technischen Hochschule studierten viele junge Menschen aus China, die Gesandtschaft lag am Kurfürstendamm.
Das Tientsin wurde zum Treffpunkt von Studierenden, Künstlern und Intellektuellen. Ungewöhnlich war damals auch der Service: Deutsche Kellner in formeller Kleidung bedienten ein überwiegend asiatisches Publikum.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Charlottenburg zum gesellschaftlichen Mittelpunkt West-Berlins. Restaurants und Bars entwickelten sich zu Treffpunkten für Künstler, Schauspieler und Journalisten. Zwei Adressen vermitteln noch heute etwas von dieser Zeit.
Schnitzel und die alte Westberliner Kunstszene

Seit 1994 führt Arthur Schneller das Ottenthal in der Kantstraße 153. Benannt ist es nach seinem niederösterreichischen Heimatdorf. Hier gibt es Tafelspitzsuppe, steirische Kürbissuppe und Wiener Schnitzel vom Kalbsrücken mit Erdäpfel-Gurkensalat. Der Bauernschinken stammt vom Hof Blauensteiner in Ottenthal und kommt mit Senfgurken und frisch geriebenem Kren auf den Tisch.
Charlottenburg · ÖsterreichischOttenthal Restaurant & WeinhandlungZur MapGleich nebenan liegt die Paris Bar. Michel Würthle machte sie ab 1979 zu einem Treffpunkt der Kunstszene. Gemälde, Zeichnungen und Fotografien füllten die Wände; Martin Kippenberger soll Rechnungen gelegentlich mit Bildern bezahlt haben.
Die Küche bleibt französisch geprägt. Austern, Entrecôte mit Sauce béarnaise und Pommes frites gehören zu den Klassikern, gegessen wird bis spät in die Nacht. Die Kunst an den Wänden dürfte heute einen beträchtlichen Wert haben. Auf den Tellern stehen weiterhin Steak und Pommes.
Charlottenburg · FranzösischParis BarZur MapThe Duc Ngo und die neue Kantstraße
1999 eröffnete The Duc Ngo gemeinsam mit seinem Cousin das Kuchi. Ngo war als Kind aus Hanoi nach Berlin gekommen. Die Kantstraße galt damals kaum als bevorzugte Adresse für ambitionierte neue Restaurantkonzepte. Mit Kuchi änderte sich das langsam.
Charlottenburg · JapanischKuchi KantZur MapNach einem Umbau 2024 präsentiert sich das Restaurant mit offener Sushi-Bar und einer Küche, die an japanische Izakayas erinnert. Makrele kommt vom Robata-Grill, Hühnerschenkel und Hühnerhaut werden auf Spießen serviert. Auf der Karte steht sogar eine „Tokyo Carbonara“ aus Udon, Guanciale, Eigelb und Parmesan.

Im selben Haus betreibt Ngo die Madame Ngo, eine vietnamesische Brasserie und Hommage an seine Geburtsstadt. Im Mittelpunkt steht Phở, die aromatische Nudelsuppe. Bei der Phở bò tái garen dünne rohe Rindfleischscheiben erst in der heißen Brühe. Dazu passen Nem Hà Nội, knusprige Frühlingsrollen mit Krebs- und Schweinehack, oder dreifach zubereiteter Schweinebauch unter dem Namen „Les Trois Cochons“.
Charlottenburg · VietnamesischMadame Ngo une Brasserie HanoiZur MapWenige Schritte entfernt liegt das FunkyFisch. Gäste wählen ihren Fisch an einer großen Auslage selbst aus. Die Küche kombiniert mediterrane und asiatische Einflüsse: Gambas al Ajillo, Pulpo, Bouillabaisse oder frittierter Fisch im chinesischen Bun mit Hoisin-Soße.
Charlottenburg · SeafoodFunkyFischZur MapDirekt daneben befindet sich Ngos 893 Ryōtei. Hinter der verspiegelten, graffitiübersäten Fassade verbindet die Küche japanische Techniken mit südamerikanischen Aromen. Sashimi-Taquitos kombinieren rohen Fisch mit Jalapeño und Trüffelmayonnaise, auf Tostadas landen Thunfischbauch und Kaviar. Auch Rinderfiletspieße mit Steak-Salsa gehören zum Angebot.
Charlottenburg · Japanisch893 RyoteiZur MapVier Restaurants, vier unterschiedliche Ansätze – und ein Gastronom, der die kulinarische Entwicklung dieser Straße maßgeblich geprägt hat.

Neue Stimmen zwischen den Institutionen
Die Kantstraße ist allerdings längst mehr als The Duc Ngo und die alten Westberliner Lokale. Zwischen etablierten chinesischen Restaurants wie Good Friends und Do De Li setzt eine jüngere Generation eigene Akzente.
Im FúFú Bistro kochen Ruiyang Tian und Yuwei Tang Gerichte aus den südwestchinesischen Provinzen Yunnan, Guizhou und Sichuan. Tian stammt selbst aus Guizhou und kam 2020 nach Deutschland, ursprünglich um als Ingenieurin zu arbeiten. Heute stehen etwa knusprig frittierte Minzblätter mit Rindfleisch, Chili und Knoblauch auf der Karte, außerdem Schweinerippchen mit Kastanien und gebratene Kartoffelscheiben mit eingelegtem Gemüse.

Das sind Aromen und regionale Traditionen, die auf den Speisekarten vieler deutscher Chinarestaurants selten auftauchen.
Charlottenburg · ChinesischFúFú Bistro 福·山里小馆Zur MapWeiter westlich, in der Kantstraße 74, führen Raúl Oliver Arriaga aus Mexiko-Stadt und Julia Schmiedehausen das Comedor. Der Name bedeutet „Esszimmer“. Hier werden Tortillas täglich von Hand hergestellt, dazu gibt es beispielsweise Aguachile mit frischem Fisch oder Mole Amarillito mit Aubergine und Zucchini. Mexikanische Techniken treffen auf regionale Zutaten und europäische Einflüsse.
Charlottenburg · MexikanischComedorZur MapEine Straße, die nie fertig wird
Die Kantstraße hat sich mehrfach neu erfunden. Chinesische Studierende brachten in den 1920er-Jahren ihre Esskultur nach Charlottenburg. Später wurde die Gegend zum Treffpunkt der Westberliner Kunstszene. Seit den späten 1990er-Jahren kamen neue asiatische Restaurants und ambitionierte Küchen aus aller Welt hinzu.
Heute stehen alte Institutionen neben Adressen, die regionale chinesische Spezialitäten oder zeitgenössische mexikanische Gerichte servieren. Das Beste daran: Diese Entwicklung lässt sich beim Essen nachvollziehen.
Mittags ein Schnitzel im Ottenthal, beim nächsten Mal Phở bei Madame Ngo. Ein Abend im 893, ein anderer im FúFú. Und irgendwann ein langer Abend in der Paris Bar.
Angefangen hat diese Geschichte 1923 mit dem Tientsin. Fertig ist sie bis heute nicht.
Charlottenburg neben der Kantstraße: Udon, Galette, SchnitzelGuides · 26. August 2026Charlottenburg neben der Kantstraße: Udon, Galette, Schnitzel










